jeudi 1 septembre 2016

Dünnes Eis ...

Ansichten eines bekennenden Nicht-Fans

„Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er auf's Eis,“ sagt man. Na dann riskier ich's 'mal und versuche die Bauchschmerzen vieler Fans hinsichtlich des momentan schwierigen Erscheinungsbildes ihrer Lieblingsmannschaft zu verstehen.

Mein größtes Problem dabei ist, dass ich seit 30 Jahren schon kein Alemannia-Spiel mehr im heimischen (alten) Tivoli mehr gesehen habe. Mein erstes Spiel, Tennisfreunde hatten mich mitgeschleppt, war im Herbst 1980 ein 5:0 (2:0) gegen den VfL Osnabrück. Beide Vereine standen damals weit oben in der Tabelle und das Stadion war rappelvoll. Wir hatten Sitzplätze, was ich aber für ein Fußballspiel nicht unbedingt als vorteilhaft empfand. Trotz dermaßen vieler guten Begleitumstände und des tollen Spielverlaufs war ich von der merkwürdig aggressiven Grundstimmung auf einzelnen Rängen nicht begeistert. Weder die gegnerische Mannschaft, noch deren Anhang, lieferten einen Grund für irgendwelche Feindseligkeiten.

Obwohl ich selbst so gut wie nie Spiele besuchte, war ich immer umgeben von Alemannia-Anhängern und der Klub war ein stetes Thema im Freundeskreis. Als sich 2007 der Abstieg aus der 1.Bundesliga abzeichnete habe ich im August ein Auswärtsspiel in Frankfurt besucht. Ich wollte aus der Nähe erleben, wie sich eine eigens initiierte Unterstützungsmaßnahme seitens der Fans - „Der 12. Mann“ - konkret zeigt. Überraschenderweise hatte ich einigermaßen Mühe einen befreundeten „eisernen Fan“ und stolzen Dauerkarten-Besitzer davon zu überzeugen, mitzukommen. Das Frankfurter Stadion war beeindruckend und leider ebenso der souveräne 4:0 (2:0) Sieg der Frankfurter. Die mitgereisten Fans - sprich der 12.Mann - machte(n) sich zu meiner Überraschung größtenteils weit vor dem Schlusspfiff schon wieder auf den Heimweg. Das was ich immer erahnt hatte, wurde beim Frankfurt-Besuch erstmal konkret für mich sichtbar: So unerschütterlich, wie nach außen gerne dargestellt, stellte sich die Treue und die Unterstützung der Fans in der Realität nicht wirklich da.

Selbstfindung ist angesagt
Wie bereits erwähnt hatte mich bereits bei meinem ersten Besuch die völlig unverständliche, latent vorhandene Krawall-Atmosphäre abgestoßen, die sich in späteren Jahren in noch vielfältiger Art und Weise in verschiedenen konkurrierenden Gruppierungen niederschlug und sogar bundesweit für negative Schlagzeilen sorgte. Selbstverständlich kann ich dieses Phänomen nicht detaillierter aufschlüsseln, dazu habe ich zu wenig Hintergrundwissen, aber bei einer der zentralen Fragestellungen: Kann und will die Alemannia sich ein neues modernes Image aneignen, sollte auch das Erscheinungsbild vergangener Tage kritisch begutachtet werden. Erschwerend hinzu kommt noch, dass man sich auch heute noch (all zu) gerne daran erinnert, dass man mangels spielerischer Mittel gerne mal „die Axt 'rausholte“, sprich eher die kämpferische Note suchte. So amüsant es sich auch immer wieder liest, wenn beispielsweise Willi Landgraf davon erzählt, dass die Gegner bereits beim Gang durch den engen Tunnel „Bammel“ und auch schon mal einen Tritt abbekamen, diese Zeit und diese spezielle Form der Begrüßung kommen nicht mehr zurück. Die kämpferische Note als bevorzugtes Stilmittel zu betonen ist selbstverständlich in Ordnung, stellt aber andererseits eine ständige Gratwanderung dar und wird spätestens dann fragwürdig, wenn es als wichtigstes Kennzeichen einer Mannschaft überhöht wird.

Alles hat seine Zeit
Um das Stadion dauerhaft voll zu bekommen müssen sich auch „normale“ Kinder, Jugendliche, Familien und Senioren wohlfühlen dürfen, die wahren Fußballkenner alten Schlages sind zahlenmäßig eine zu kleine Gruppe, um sich dauerhaft auf sie zu beschränken. Die momentanen Spieler können und wollen scheinbar ohnehin nicht die Spielweise vergangener Tage kopieren, warum also weiterhin dieser Zeit nachtrauern, oder schlimmer noch, ihr vergebens hinterher hecheln? Die reinen Fußballkenner sind ohnehin ein kritisches Volk, stimmt die Leistung kommen sie, fällt die Leistung ab, bleiben sie zunehmend weg. Es wäre ein Riesenfortschritt, und das muss das Ziel sein, gelänge es, eine Publikumsstruktur aufzubauen die unabhängig vom Tabellenstand ihre Mannschaft anfeuern möchte und vorrangig das Gemeinschaftserlebnis sucht.

Zentrale Problemstellungen
  1. Gestörtes Selbstverständnis
  2. Kein einvernehmliches Fan-Verständnis
  3. Mangelnde Kundenorientierung
  4. Keine authentischen Führungspersönlichkeiten

Gestörtes Selbstverständnis
Eine gestörte Identität ist seit langem bereits das größte Problem der Alemannia. Der aktuell leider nicht mehr gerechtfertigte Anspruch, man gehöre (mindestens) in die 2.Bundesliga, paart sich mit einem nostalgisch angehauchten, selbstgefälligen und überhöhten Underdog-Image. Dieses gestörte Selbstverständnis war immer schon das Fundament dafür, dass untalentierte und letztlich ungeeignete Personen ans Ruder gelangen konnten und übte dauerhaft einen schädlichen Einfluss auf die Fans und die Beziehung zueinander aus. – Wer sich nicht ausreichend selbst (er)kennt und sich stattdessen an falschen Selbstbildnissen orientiert, kann keine glaubhafte Beziehung zu anderen aufbauen und dauerhaft vorleben.

Kein einvernehmliches Fan-Verständnis
Typisch für das Verhältnis der Mitglieder und Fans zu den Führungsverantwortlichen des Vereins ist, dass zuverlässig immer erst „hinterher“ alles verteufelt und damit ins Gegenteil verkehrt wird, was jahrelang zuvor bejubelt wurde. In Ausnahmefällen läuft es umgekehrt, ausgerechnet Jörg Schmadtke wurde scheinbar nie richtig geliebt, heute allerdings von vielen vergöttert. Solange Geld da ist und alle beliebig über ihre fußballerische Weitsicht palavern dürfen, ist die Welt in Ordnung. Ist die Kohle weg herrscht das blanke Chaos und erstaunlicherweise hatten alle es genau so kommen sehen.

Mangelnde Kundenorientierung
In der aktuellen Lage müssen massenhaft Zuschauer ins Stadion gelockt werden, dass bislang präsentierte Angebot und das gebotene Preis- Leistungsverhältnis reichen dazu aber nicht aus. Man muss über seinen eigenen Schatten springen und wirklich neue Wege gehen. Hierzu braucht es Mut und einen kühlen Kopf. Neben der eigentlichen Fußballveranstaltung muss es ein kleines aber attraktives Familienprogramm geben, um gleichermaßen alle Altersklassen aktiv anzusprechen.

Keine authentischen Führungspersönlichkeiten
In einen Fußballklub gehören Leute mit Fußball-Verstand. Selbstverständlich muss der Kassenwart nicht das Für und Wider einer „doppelten Sechs“ in allen Details erörtern können, aber alle zentralen Stellen sollten mit Personen besetzt sein, die selbst, auf welcher Ebene auch immer, mit Leidenschaft gespielt haben und die Fußballersprache kennen. Reine „Krawattenträger“ jedweder Couleur können passen, sind aber eher mit Vorsicht zu genießen. Solche Leute richten sich sehr schnell wohnlich ein und verteidigen in erster Linie mit „List und Tücke“ ihre Position und „verwalten“ den Klub unter Umständen zu Tode. Diese Verwaltungstypen können hinterher immer alles lupenrein erklären, sind aber allgemein zu nichts zu gebrauchen.

Zielvorgabe: immer ausverkauft
So häufig man auch immer noch die Erinnerungen an alte gute Zeiten lesen kann, ich würde davon abraten, diese Zeiten wieder mit allem „drum und dran“ wieder herbeizusehnen. Die Zeiten ändern sich und ich bin der Meinung, dass das „Erlebnis Heimspiel“ derart attraktiv gestaltet werden kann und muss, dass jedes Heimspiel innerhalb der Saison ausverkauft ist. Um eine derart ehrgeizige Zielvorgabe zu erreichen, muss das Angebot natürlich auf ein breites Publikum ausgerichtet werden.

Preise runter - Zuschauerzahl rauf
Neben dem Kern des Fußballspiels muss, angefangen von einer wirklich attraktiven Preisgestaltung, das Catering in allen unterschiedlichen Kategorien außergewöhnlich gut sein, besonders im unteren Bereich müssen absolute Tiefstpreise oberstes Gebot sein. Für besondere Bereiche: Schulen, Fußballklubs, Sportvereine etc. sollte ein wirklich großzügiges Kontingent an Freikarten verfügbar sein um ein solides Fundament für eine fortwährende Vollauslastung und für eine wachsende Fan-Gemeinschaft zu legen. Um im Erwachsenenbereich die Auslastung zu verbessern, sollte der Prozentsatz der Dauerkarten dramatisch erhöht werden, was sich durch eine ausgetüftelte Preispolitik wohl auch erreichen ließe.

Neues Image und ein größeres Angebot
Neues Gemeinschaftsgefühl - mehr als „nur“ Fußball - das 14-tägige Treffen muss zu einer unverzichtbaren Kult-Veranstaltung mit Suchtcharakter werden - alle Zuschauer sollten aktiver Teil eines großen Spektakels sein

Mut zur Masse
Insgesamt sollten alle Angebote darauf abzielen, eine gesamte Saison abzudecken anstatt vorrangig 17 oder 18 Einzelereignisse zu vermarkten. Dass der Hin- und Rücktransport durch ein kundenorientiertes Kombi-Ticket seitens des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) unterstützt wird, ist selbstverständlich. Bei soviel Preisnachlass und / oder Rabatt stellt sich zwangsläufig die Frage, ob die Gesamt-Kalkulation dennoch aufgehen kann, aber eine „volle Hütte“ rechnet sich meines Erachtens nicht nur deutlich leichter als ein beinahe leeres Stadion, eine Vollauslastung begünstigt alle angegliederten Bereiche. Selbstverständlich braucht es hierzu Mut in der Vorbereitung und Konsequenz in der Durchführung.

Mit der Masse kommen zwangsläufig auch Sponsoren. Statt sich in endlosen Selbstzweifeln und unglaubwürdigen Demutsübungen zu verlieren, ist ein ausverkauftes Haus die beste Eigenwerbung.


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